Über das Modellieren an der Schneiderbüste

An der Schneiderbüste mit Stoff, Schere und Stecknadeln zu modellieren, ist eine Technik, bei der man laufend das Auge und das Gefühl in den Fingerspitzen zur Gestaltung des Stoffes einsetzt.  In jedem Moment ist eine genaue Einschätzung erforderlich, da man den Stoff direkt auf der Puppe schneidet. Es ist keine einfache Tätigkeit, will man ein wirklich schönes Klei- dungsstück schaffen. Die Arbeit mit dem Stoff wird von ständigen Prüfungen begleitet. Man nutzt unmittelbar das Fallen oder die Dehnbarkeit des Stoffes. Hat man ein Auge für die Qualität der Linie  und in den Fingern ein Gefühl für die exakte Umsetzung, so gibt es  keine andere Methode, die derartig genau ist und dabei so viel Spaß bringen kann.

Der Schnitt, den man mit Hilfe der Schnittkonstruktion angefertigt hat, ist nur Papier. Will man diesem Schnitt die Eigenart des Stoffes beifügen (Dehnbarkeit, Faltenwurf), so braucht man eine genaue Kenntnis des Materials und darüber hinaus beachtliche Erfahrung. Nehmen wir an, wir hätten einen einfachen Glockenrock an der Saumlinie an drei Stellen je etwa 15 cm geöffnet. Täten wir dies  mit Stoff , würden die Falten wegen der Überlagerung des Fadenlaufs mit dem Stoff keinesfalls gleichmäßig fallen, auch wenn dies auf dem Papier so aussähe. Natürlich verändert sich der Ausdruck jeder Falte auch, je nachdem, ob man den Fadenlauf auf die vordere und hintere Mitte legt oder einen schrägen Fadenlauf wählt. Es muß nicht betont werden, daß viel Erfahrung nötig ist, um all dies schon bei der Schnittkon- struktion zu berücksichtigen. Wenn man beim Modellieren die drei Falten direkt auf der Büste formt, kann man hingegen unmittelbar überprüfen, wie der Stoff auf die Falten verteilt ist, und ob Falten sowie Rocklänge miteinander harmonieren.

Viele Studenten an den Modeschulen arbeiten vor allem mit Hilfe der Grundschnitte und indem sie messen. Deshalb ist die Zahl der Schüler nicht klein, die außerstande sind, für ein Design einen Schnitt, der wesentlich von einem Grundschnitt abweicht, zu konstruieren. Von Nachteil ist zudem, daß das Entwerfen oft durch die eigenen begrenzten schnittkonstruktiven Möglichkeiten sowie durch die Scheu vor ungewöhnlichen und besonders komplizierten Schnittkonstruktionen behindert wird. Vielfach kann ein Student selbst bei einem Standardmodell nicht beurteilen, ob die  eigenen Vorstellungen 100%ig umgesetzt worden sind.

Die traditionelle Schnittkonstruktionsmethode ist sehr abstrakt; demgegenüber ist das Modellieren mit Stoff an der Puppe etwas ausgesprochen Sinnliches und macht daher vielen Studenten und späteren Designer Freude - abgesehen davon, daß einem beim Stecken an der Büste spontan neue Einfälle kommen. Mit Stoff, Schere und Stecknadeln an der Büste zu arbeiten, ist plastisches Gestalten mit textilem Material – worum sonst geht es beim Kreieren von Kleidung?

 

 

OT01-de

 

90X90cm Stoff
50cm Einschneiden
1, Grundlinie und Modelllinie an der Puppe markieren.

2. Modelllinie des VT an RT weiter fühlen. 3. Schrägenfadenlauf an der VM stecken. Punkt A ca. 7cm vom Halsloch messen und feststecken. 1. Nahtzugabe unter der Taillenlinie zurückschneiden.

5. Brustabnäher nach oben drehen. Taille flach stecken. 6. Nahtzugabe unter der Taillenlinie einschneiden. 7. Stoff von VT über SN bis HM weiter modellieren. Nahtzugabe unter der Taillenlinie vorsichtig zurückschneiden und einschneiden. HM stecken.

8. Nahtzugabe, an der HM zurückschneiden. Den Stoff an Modelllinie und Armloch mit Nahtzugabe zurückschneiden. 9. Brustabnäher zur Mitte drehen. 10. Abnäherweite werden in Falten gelegt. Ausschnittform festlegen.

 

 

11. Nahtzugabe zurückschneiden. 12. Falten nochmals kontrollieren und festlegen. 13. Rechtes VT und RT an der VM spiegeln. Falten mit einem Schrägband zusammennehmen.